„Der Schüler fragt seinen Meister: Meister, wohnt das Glück der Menschen dort oben auf den leuchtenden Sternen? Der Meister antwortet: Nein. Das Glück wohnt in unseren Herzen. Doch dahin verirrt sich selten jemand.“
(Autor unbekannt)
Es gibt etwas, das uns alle verbindet – eine leise, oft kaum greifbare Sehnsucht nach Glück. Manchmal zeigt sie sich in großen Wünschen, manchmal in ganz kleinen Momenten: in einem Lächeln, einem guten Gefühl oder der Hoffnung, dass sich die Dinge zum Guten wenden.
Seit jeher suchen Menschen nach Zeichen für dieses Glück. Eines davon begegnet uns immer wieder – unscheinbar und doch voller Bedeutung: das Kleeblatt. Es wächst auf Wiesen und am Waldrand, versteckt sich zwischen unzähligen anderen Pflanzen und wird meist übersehen. Und doch halten wir inne, wenn wir eines entdecken, das aus der Reihe tanzt.
Gleichzeitig begegnet uns das Kleeblatt längst nicht mehr nur in der Natur. Es findet sich in Schaufenstern, als kleines Symbol auf Glückwunschkarten oder als sorgfältig gezüchtete Pflanze in Einkaufsläden – bereit, verschenkt zu werden, als würde sich das Glück einfach weiterreichen lassen.
Kommen wir zur ersten Frage:
Wie kam das Kleeblatt dazu ein Glücksbringer zu werden?
Glücksfaktor Nr.1 Besonders durch Seltenheit
Immer schon glaubten Menschen, dass von Pflanzen eine besondere Kraft ausgeht, lange bevor es die Pharmaindustrie gab. Aber bleiben wir bei unserem Kleeblatt. Normalerweise hat ein Kleeblatt 3 Blätter. Aber ganz selten gibt es eines mit 4 Blättern. Und genau das machte es so besonders!
Die Menschen dachten:
Wenn etwas so selten ist, muss es etwas Magisches sein!
Daraus entwickelten sich Geschichten - dass ein vierblättriges Kleeblatt:
- vor Unglück schützt
- böse Geister fernhält
- und Glück bringt
So wurde es nach und nach ein Glücksbringer.
Und wir alle wissen wie es sich anfühlt, wenn wir etwas finden, das ganz selten ist. Es löst ein starkes, besonderes Gefühl in uns aus. Manche von uns hoffen darauf, dass das Fundstück uns Glück bringt. Genau so ging es den Menschen früher mit dem vierblättrigen Kleeblatt!
Doch wie wird aus der Genetik eines dreiblättrigen Kleeblatts ein vierblättriges?
Es gibt scheinbar dreiblättrigen Klee, mit dem Potenzial, vier Blätter hervorzubringen. Ein genetischer Ausrutscher. Ein „Uups“ - wer kann hier nicht auf drei zählen?🧐 Möglicherweise spielt hier Stress dem Zufall in die Hände. Umweltanomalien. Eine Mutation. Eine Laune der Götter. Eine kleine Veränderung in der Bauanleitung (den Genen) von einem Lebewesen. Oder war alles ganz anders?
Einer alten Legende nach, als Eva und Adam das Paradies verlassen mussten, war die Welt plötzlich nicht mehr vollkommen. Der Garten, in dem alles friedlich, hell und voller Leben gewesen war, lag nun hinter ihnen. Vor ihnen lag eine neue, unbekannte Welt.
Eva blieb noch einmal stehen. Sie blickte zurück – dorthin, wo alles leicht gewesen war. Dann beugte sie sich hinunter und pflückte ein kleines, unscheinbares Blatt: ein Kleeblatt mit vier grünen Blättchen. Vorsichtig nahm sie es mit sich. Es sollte sie erinnern – an das Gute, an die Hoffnung und an das Glück, das sie im Paradies gespürt hatte.
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So, erzählt man sich, kam das Kleeblatt auf die Erde. Seitdem gilt es als ein stiller Begleiter der Menschen. Und wenn man ein besonders seltenes vierblättriges Kleeblatt findet, dann, so heißt es, hält man für einen Moment ein kleines Stück Paradies in den Händen“.
Selten und deshalb besonders. Wenn wir eines finden, denken wir „Wow, Glück gehabt“, und wir freuen uns für einen Moment, oder ein paar Minuten. Vielleicht werden wir euphorisch. Und damit das Glück bei uns bleibt und wir anderen „beweisen“ können, dass wir wirklich eins gefunden haben, greift unsere Hand nach dem Stengel.
Vielleicht bleibt es bei dieser Seltenheit gerade deshalb, weil wir es, wenn wir über eines stolpern, pflücken, um es mit nach Hause zu nehmen. Wir können jedoch auch einfach ein Foto davon machen und es stehen lassen. Es ist unsere Entscheidung.
Und sie ist es, die uns zur nächsten Frage führt:
Kann das Glück unterscheiden zwischen gefundenem Kleeblatt und einem gekauften?
Glücksfaktor Nr.2 Was wir daraus machen
Bei uns ist es Tradition, vierblättrige Kleeblätter zu verschenken. Als Glücksbringer für das kommende Jahr. Denken wir an den Glücksfaktor Nr. 1, stellt sich die Frage: ist das noch Besonders? Selten? Oder Geschäftemacherei?
Es ist uns ein Bedürfnis, Glück zu verschenken, ohne uns zu fragen, ob gekauftes Glück funktioniert. Meistens steckt in den Bechern noch ein kleiner Schornsteinfeger drin. Es gibt Marienkäfer aus Schokolade und Marzipanschweinchen. Her mit dem Glück. Eines davon MUSS es bringen. Jo, kann man machen. Ich mach da nicht mit.
Ein kleines Aber gibt es dennoch. Der gekaufte Glücksklee ist zwar nicht selten, nicht besonders. Aber es kommt darauf an, was wir draus machen. Eines zu finden ist Glück durch Zufall. Ein gekauftes geschenkt zu bekommen ist auch Glück - Glück durch Gefühl & Bedeutung.
Bekommen wir einen gekauften Glücksklee geschenkt, ist da jemand, der uns Glück schenken möchte, dem wir etwas bedeuten. Für den wir vielleicht etwas besonderes sind. Und dies mit dieser kleinen Geste zum Ausdruck bringen möchte. In diesem Moment, fühlen wir uns geliebt, oder ermutigt. Oder beides. Vielleicht ist es auch eine Herzensgeste, weil der andere daran glaubt. Was uns zur nächsten Frage bringt:
Muss ich daran glauben, damit es funktioniert?
Glücksfaktor Nr.3 Der Placebo-effekt
Ich könnte schwören, dass ich nicht an Glücksbringer glaube, aber in dem Moment, in dem ich ein vierblättriges Kleeblatt finde, würde mein Herz dann doch einen Extrasprung machen. Das bedeutet, dass in meinem Unterbewusstsein die Besonderheit für Glücksklee besteht. Ob ich will oder nicht. Immer wieder ertappe ich mich auf meinen Pirschgängen durch die Wälder, dass ich nach Kleeblättern suche (weil ich diese grünen, saftigen Farbtupfer so wunderschön empfinde) und insgeheim hoffe, ein vierblättriges dazwischen zu finden.
Es ist ähnlich wie mit einem Placebo. Sogar wenn wir wissen, dass es ein Placebo ist was wir einnehmen, wirkt es trotzdem. Wenn es doch der Glaube ist, der ein Wunder oder eine Heilung bewirkt und wir mit dem Verstand wissen, dass wir NICHT daran glauben, warum wirkt es dann trotzdem? Das Nichtglauben wird scheinbar von unserem Unterbewusstsein nicht akzeptiert.
Warum ist das so?
Unser Verstand sagt „Nö“, das Unterbewusstsein lacht uns aus und sagt: „Doch“. Hier wird deutlich, dass das, was wir als Kinder erlebt und gelernt haben, was wir fühlen und was wir deshalb erwarten, stärker ist als die reine Logik. Gefühle wirken schneller und automatischer als unser Verstand – der kommt oft erst hinterher und versucht zu erklären, was längst entschieden ist. Was wir denken, dass wir glauben, und was wir tatsächlich, tief in uns glauben, sind offensichtlich zwei unterschiedliche Dinge.
Noch heute vermeide ich es, auf die winzigen Vergissmeinnichtblümchen zu treten, weil ich die Stimme meiner Großmutter höre, die mich oft davor gewarnt hatte. Wenn ich eine zertrete, wird es regnen. Seltsamerweise habe ich das nie überprüft. Ich bin nie absichtlich auf ein Vergissmeinnicht getreten, um zu testen, ob sie recht hatte. Allein der Gedanke daran fühlt sich falsch an – als würde ich eine unsichtbare Grenze überschreiten.
Auch wenn ich behaupte, dass ich diese Überzeugung, die ja nicht aus meinem eigenen Erleben stammt, längst abgelegt habe, zeigt mein Verhalten etwas anderes. Es ist, als hätte sich ein Teil davon tiefer in mir festgesetzt – jenseits von Vernunft und bewusster Entscheidung. Genau darin zeigt sich, wie nachhaltig solche inneren Prägungen sind. Sie entstehen nicht durch eigenes Prüfen, sondern durch Vertrauen, Wiederholung und Gefühl. Sie werden nicht aktiv gewählt, sondern still übernommen. Es handelt sich hierbei um erlernte Erinnerung.
Die Entscheidung, dass es „funktioniert“, wurde nie von mir selbst getroffen – sie wurde in mir angelegt. Und vielleicht ist es genau diese Mischung aus Erinnerung, Gefühl und unbewusster Erwartung, die dafür sorgt, dass manche Dinge ihre Wirkung behalten, auch wenn unser Verstand längst etwas anderes behauptet.
Es gibt diesen einen kurzen Moment – kaum länger als ein Atemzug – in dem etwas in uns geschieht, bevor wir überhaupt darüber nachdenken können. Wir finden ein vierblättriges Kleeblatt und noch bevor ein klarer Gedanke entsteht, ist da schon dieses Gefühl: „Wow, Glück gehabt.“ Es ist ein leises Aufleuchten, ein inneres Nicken, als hätten wir etwas Besonderes berührt. Dieser Moment gehört nicht dem Verstand. Dieser Augenblick ist schnell, unmittelbar und ehrlich.
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Doch dann, fast unmerklich, tritt eine zweite Ebene hinzu. Der Verstand meldet sich zu Wort. „Was mache ich jetzt damit?“ fragen wir uns. „Nehme ich es mit? Glaube ich wirklich, dass es mir Glück bringen kann?“ Hier beginnt ein innerer Dialog, der oft im Alltag übergangen wird, weil alles so schnell geschieht. Doch genau hier liegt eine feine, fast unsichtbare Lücke.
In dieser Lücke begegnen sich zwei Welten: das unmittelbare Erleben und die bewusste Entscheidung. Das eine ist geprägt von Erinnerungen, Gefühlen und alten Bedeutungen. Das andere von Reflexion, Zweifel und Eigenverantwortung. Unser Herz hat sich längst gefreut, doch unser Kopf beginnt zu prüfen. Und plötzlich ist da ein Zwiespalt – nicht laut, nicht dramatisch, sondern leise und subtil.
Diese Lücke zu dehnen, sie bewusst wahrzunehmen, bedeutet, sich selbst beim Denken zuzusehen. Es bedeutet, nicht sofort zu handeln, sondern den Moment auszuhalten und uns zu fragen:
- Warum möchte ich das Kleeblatt mitnehmen?
- Was verspreche ich mir davon?
- Und was passiert, wenn ich es einfach stehen lasse?
Vielleicht geht es gar nicht darum, sich für oder gegen den Glücksbringer zu entscheiden. Vielleicht liegt die eigentliche Kraft genau in diesem Zwischenraum – in dem Moment, in dem wir erkennen, dass wir wählen können. Dass wir nicht nur reagieren, sondern gestalten. Und dass das, was wir glauben, nicht einfach geschieht, sondern auch bewusst betrachtet und neu entschieden werden kann.
Die Überlegung „soll ich es mitnehmen oder nicht“, führt uns zur nächsten Frage:
Sind Menschen, die an Glücksbringer glauben, glücklicher als andere?
Glücksfaktor Nr.4 Hingabe an das was ist
Sind Menschen, die an Glücksbringer glauben, glücklicher als andere? Vielleicht nicht grundsätzlich – und doch scheint es, als hätten sie in manchen Momenten einen leichteren Zugang zu Zuversicht und innerer Ruhe. Nicht der Gegenstand selbst ist es, der diesen Unterschied macht, sondern das, was in ihnen geschieht.
Wer an einen Glücksbringer glaubt, erlaubt sich oft, ein Stück Kontrolle loszulassen. Nicht alles muss durchdacht, abgesichert und logisch erklärt werden. Stattdessen entsteht Raum für ein leises Vertrauen: „Es wird schon gut gehen.“ Und genau dieses Vertrauen hat eine spürbare Wirkung. Es beruhigt den Geist, reduziert das ständige Kreisen der Gedanken und schafft eine Form von innerer Entspannung, die im reinen Denken oft verloren geht.
Vielleicht liegt darin ein entscheidender Punkt: Weniger festhalten, weniger analysieren, weniger versuchen, alles zu kontrollieren – und stattdessen offen werden für Möglichkeiten, die sich nicht vollständig planen lassen. In diesem Zustand verändert sich auch unsere Wahrnehmung. Wir werden empfänglicher für Chancen, sehen Wege, die uns vorher verborgen geblieben wären, und trauen uns eher, ihnen zu folgen.
Der Glücksbringer kann in diesem Sinne wie ein Schlüssel wirken. Der Schlüssel zum Tor der unendlichen Chancen und Möglichkeiten. Der Schlüssel, der uns innerlich bereit macht, diese Chancen zuzulassen. Er erinnert uns daran, dass nicht alles berechenbar ist und dass gerade im Ungewissen neue Möglichkeiten liegen können. Indem wir uns diesem Gedanken hingeben, entsteht eine feine Verschiebung: weg von Kontrolle, hin zu Vertrauen.
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Kann sein, dass es genau diese Haltung ist, die eine höhere Lebensqualität ermöglicht. Nicht weil sie immer zu mehr Glück führt, sondern weil sie das Leben weicher macht. Weniger angespannt, weniger eng, dafür offener und lebendiger. Der Glücksbringer wird so zu einem Symbol für etwas, das wir eigentlich längst in uns tragen – die Fähigkeit loszulassen, zu vertrauen und dem Unbekannten mit einer gewissen Leichtigkeit zu begegnen. Doch genau hier lauert gleichzeitig eine Gefahr. Sie bringt uns zur nächsten Frage:
Was passiert, wenn wir in eine Glücksbringer-Abhängigkeit geraten?
Glücksfaktor Nr.5 Die Deutung
Was geschieht in uns, wenn dieser Zustand von Ruhe und Vertrauen plötzlich nicht mehr frei zugänglich ist – sondern an einen Gegenstand gebunden wird? Wenn wir, ohne es bewusst zu entscheiden, beginnen zu glauben, dass wir genau diesen einen Glücksbringer brauchen, um uns sicher zu fühlen?
An dieser Stelle beginnt etwas, das man vorsichtig als Abhängigkeit bezeichnen kann. Nicht sofort, sondern leise, schleichend. Der Gedanke entsteht: „Mit ihm geht es mir gut – ohne ihn vielleicht nicht.“ Und je öfter wir diese Erfahrung machen, desto stärker verknüpft sich unser inneres Gleichgewicht mit dem äußeren Objekt. Wir steigern uns hinein, fast unmerklich. Aus einem „Es hilft mir“ wird ein „Ich brauche es“. Und genau darin liegt die Verschiebung – die Verantwortung für unser inneres Erleben wandert von uns selbst hin zu etwas im Außen.
Vielleicht beginnt alles mit einem vierblättrigen Kleeblatt. Ein zufälliger Fund, ein kurzer Moment des Staunens: „Wow, Glück gehabt.“ Zunächst ist es nur ein schönes Erlebnis, etwas Seltenes, das Freude auslöst. Doch dann verändert sich etwas. Wir pflücken das Kleeblatt und nehmen es mit. So machen wir das Pflänzchen zu einem Träger von Bedeutung.
Mit der Zeit entsteht eine leise Verbindung. In unsicheren Momenten, Situationen in denen wir eine wichtige Entscheidung treffen müssen, wandern die Gedanken zu diesem kleinen Blatt. Vielleicht genügt schon die Erinnerung daran, vielleicht auch die Berührung, wenn wir es bei uns tragen. Und jedes Mal stellt sich ein wenig Ruhe ein. Ein Gefühl von „Es wird schon gut gehen.“
Doch genau hier beginnt die feine Verschiebung. Die Fähigkeit, diesen Zustand selbst zu erzeugen, tritt langsam in den Hintergrund. Stattdessen scheint es, als läge sie nun im Kleeblatt. Der Glücksbringer wird zum Schlüssel – nicht nur symbolisch, sondern gefühlt.
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Ich selbst hatte einmal einen schwarzen Stein, etwa 3 cm groß, in Form eines Herzens gefunden. Am Ufer eines Sees. Vom Wasser glattpoliert. Ich trug ihn immer in der Hosentasche. Mehrmals täglich, wenn ich mich unsicher gefühlt habe, nahm ich ihn in die Hand. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich immer darauf bedacht war, den Stein nicht aus Versehen daheim zu lassen, wenn ich aus dem Haus ging. Es fiel mir auf, aber ich änderte nichts daran. Der Stein musste immer dabei sein. Wenn ich ihn in meiner Hosentasche fühlte, war alles o.k. Ein paar Monate später, war der Stein spurlos verschwunden. Ich habe ihn bis heute nicht gefunden. Was ich sehr schade finde.
Diese Erinnerung zeigt, wie unmerklich sich etwas verlagern kann. Was als Unterstützung beginnt, wird leise zur Voraussetzung. Nicht laut und nicht bewusst – eher wie ein kaum spürbarer Gewohnheitsfaden, der sich enger zieht. Und dann – eines Tages – ist das Kleeblatt nicht mehr da. Verloren, zerfallen oder einfach vergessen.
Es trifft ein, was wir von Anfang an befürchtet haben. Und das bringt uns zur nächsten Frage:
Was kann passieren, wenn der Glücksbringer verloren geht?
Glücksfaktor Nr.6 Souveränität
Der Moment, indem wir realisieren, dass das Kleeblatt verschwunden ist.
Plötzlich ist es nicht mehr da, und ein kleiner Schreck löst in uns ein inneres Chaos aus. Denn genau hier wird die Abhängigkeit sichtbar. Die Illusion des Glücksgebäudes fällt in sich zusammen, und es zeigt sich, wie sehr wir begonnen haben, unser Vertrauen nach außen zu verlagern. Brauchen und Missbrauchen geben sich die Hand. Wer sich selbst nichts zutraut, gibt seine Souveränität ab an eine andere Instanz – in diesem Fall an ein Kleeblatt. Diese Feststellung macht grotesk deutlich, wie menschlich, aber auch wie gefährlich es ist, sich auf Glücksbringer zu verlassen, sobald aus einem spielerischen Glauben ein Muss wird.
Der Dreh- und Angelpunkt ist das BRAUCHEN: Ich brauche Geld, also muss das Kleeblatt mir helfen zu gewinnen. Ich brauche den neuen Job, also muss der Glücksbringer etwas tun, damit es klappt. Es geht um die nüchterne Erkenntnis, dass unser Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle in die Hände eines Gegenstandes verlagert wird. Wer sich darauf einlässt, kann leicht in eine Art Ersatzreligion rutschen. Horoskope, Glückskekse, Winkekatzen (Maneki Neko) – das alles sind Produkte menschlicher Schöpfung, die Hoffnung und Erwartung kanalisieren, und in einen riesigen Wirtschaftszweig münden.
Brauchen macht eng. Es verspannt, blockiert. Und genau hier kann ein Glücksbringer paradox wirken: er kann zur Entspannung beitragen, indem er einen Anker bietet, eine kleine Pause erlaubt. Vorausgesetzt, er wird nicht zum Muss, sondern bleibt ein Werkzeug, um sich selbst bewusst einen Moment der Leichtigkeit zu gönnen.
Was bleibt, ist mehr als nur der Verlust eines Gegenstandes. Es ist die Begegnung mit einer Frage: War es wirklich das Kleeblatt, das geholfen hat? Oder war es nur ein Auslöser für etwas, das längst in uns vorhanden ist?
Kann sein, dass genau dieser Punkt eine stille Einladung an uns ist, um uns bewusst darüber zu werden, dass es nicht ums Festhalten geht, sondern um eine Mahnung. In so einem Moment hat der Glücksbringer seine Aufgabe erfüllt - indem er sichtbar macht, wo wir gerade stehen.
Und vielleicht beginnt genau hier etwas Neues: die vorsichtige Rückkehr zu der Erkenntnis, dass das, was wir im Außen gesucht haben, nie außerhalb von uns liegt.
Das Kleeblatt soll uns daran erinnern. Wir brauchen es nicht zu pflücken. Lassen wir es leben und tragen diesen Moment für immer bei uns. So wie Gott. Den können wir ja auch nicht einfach so in die Tasche stecken. Womit wir bei der nächsten Frage sind:
Kann der Glaube an einen Glücksbringer den Glaube an Gott ersetzen?
Glücksfaktor Nr.7 Glaube greifbar machen
Viele Menschen glauben nach wie vor an Gott oder an höhere Mächte, doch in unsicheren Zeiten scheint das allein nicht mehr zu genügen. Der Glaube an etwas Abstraktes kann beruhigen, doch er ist unsichtbar und oft schwer zu greifen.
Genau hier setzt der Glücksbringer an: Ein vierblättriges Kleeblatt, ein Talisman oder ein kleiner Stein gibt ein Gefühl von Sicherheit, das man sehen, berühren und bei sich tragen kann. Er wirkt wie ein kleiner Anker, ein symbolisches Werkzeug, das Hoffnung, Zuversicht oder Mut direkt spürbar macht. Hinzu kommt, dass jeder Glücksbringer eine kleine Story bekommen hat, die davon erzählt, wie es zu seiner magischen Kraft gekommen ist.
Diese Story schafft eine Verbindung, indem sie, mithilfe der entstandenen Bilder, tief und schnell in unser Unterbewusstsein eindringt. Das ist der Grund, warum Storytelling das machtvollste Marketinginstrument überhaupt ist. Es macht den Glauben greifbar.
In modernen, urbanisierten Gesellschaften ist diese Greifbarkeit besonders wichtig. Menschen, die sich in ihrem Alltag von Unsicherheit, Stress oder Kontrollverlust bedroht fühlen, greifen lieber zu etwas, das sie tatsächlich in der Hand halten können. Wie eine Krücke, zwischen gestern und morgen. (Krücke, Brücke, Lücke. Interessant).
Auf diese Weise ergänzt der Glücksbringer den Glauben – er ersetzt Gott nicht, sondern übersetzt die abstrakte Kraft des Glaubens in eine konkrete, erfahrbare Form. So entsteht ein physisches Ventil für Emotionen, das in Momenten der Anspannung Ruhe schenkt und ein Gefühl von Handlungsfähigkeit vermittelt, auch wenn rational klar ist, dass der Gegenstand selbst keine Macht hat.
Der Glücksbringer wirkt nicht durch Magie, sondern durch die Kraft, die er in uns selbst auslöst. Wer an ihn glaubt, formt eine Erwartung: „Es kann etwas Gutes passieren.“ Dieses innere Signal verändert unser Verhalten: Wir werden mutiger, aufmerksamer und entschlossener. Vielleicht ergreifen wir eher Chancen, reagieren gelassener in stressigen Situationen oder treffen Entscheidungen leichter. Der Glücksbringer kann uns helfen, uns auf das „es kann sein“ zu konzentrieren und was noch wichtiger ist: auf das „es ist möglich“. Dieser Satzanfang „es ist möglich, dass…“ - im positiven Sinne, bringt uns zu einem der interessantesten Glücksfaktoren:
Glücksfaktor Nr. 8 Die selbsterfüllende Prophezeiung
Dieses „es ist möglich“ lässt in unserer Vorstellung, Bilder aufsteigen, die mit unseren Wünschen verbunden sind. So kann ein vierblättriges Kleeblatt oder ein anderer Glücksbringer zum Auslöser einer psychologischen Schleife werden: Glaube → Verhalten → Ergebnis → Glaube. Jede positive Erfahrung verstärkt das Vertrauen in den Gegenstand, selbst wenn rational klar ist, dass er keine tatsächliche Macht besitzt.
Der Glücksbringer ist damit weniger ein Werkzeug, das Glück herbeizaubert, als ein Impuls für unsere eigene Handlungsfähigkeit und Aufmerksamkeit. Er macht uns empfänglicher für Chancen, fördert Zuversicht und kann in schwierigen Momenten die Motivation stärken. Auf diese Weise wird er zum unsichtbaren Motor für die selbsterfüllende Prophezeiung – nicht durch Zauber, sondern durch die feinen Wechselwirkungen von Erwartung, Handlung und Erfahrung in unserem eigenen Denken und Fühlen.
Egal, ob wir glauben, dass die Welt gerade untergeht, oder ob wir darauf vertrauen, dass das Leben immer seinen Weg findet – wir werden in beiden Fällen Recht behalten. Kein Glücksbringer dieser Erde wird unsere Wünsche direkt erfüllen. Er kann uns nur eine kleine Brücke bauen zu dem Vertrauen, das bereits in uns liegt. Und er kann uns daran erinnern, dass wir in der Lage sind, Chancen zu sehen, Entscheidungen zu treffen und Ruhe zu finden, selbst wenn die Welt um uns herum unberechenbar erscheint.
Letztlich liegt die Macht nicht im Kleeblatt, im Stein oder im Amulett, sondern in unserer eigenen Fähigkeit, zu hoffen, loszulassen und bewusst zu handeln.
Jeder Gegenstand auf dieser Welt, kann ein Glücksbringer sein.
Es hängt einzig und allein davon ab, ob wir daran glauben oder nicht.
(schreibfrau)
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