Heute habe ich Lust, dir ein Geschenk zu machen 😀

Ein Auszug aus meinem Buch, das gerade entsteht, beziehungsweise den letzten Schliff bekommt.
In folgendem Kapitel, beschäftige ich mich mit der immer wiederkehrenden Frage:

 

Ab wann ist es Kunst?

 

Wenn ich ein abgefallenes Blatt fotografiere und darüber schreibe, ist das eigentlich keine Kunst. Aber wer bestimmt was Kunst ist? 

 

Jemand der Kunst studiert hat? 

Wer muss sagen, dass es Kunst ist? 

 

  • Kommt Kunst von Können? 
  • Ist es Kunst, wenn ich unscheinbare Blätter heranzoome und sie in die Sichtbarkeit hole, indem ich mit Kontrasten spiele? 
  • Ist es Kunst, weil ich die Blätter überhaupt wahrnehme? 
  • Ist ein löchriges, grünes Blatt auf braunen Blättern per se schon Kunst? 
  • Ist es Kunst, weil ich die Blätter „unsterblich“ mache, indem ich sie als Foto aufbewahre? 
  • Entsteht die Kunst erst dadurch, was ich daraus mache? Auf meine Art? Art wie das englische Wort für Kunst (zufällig?). 

 

Was macht das Blatt zum Kunstgegenstand? 

 

Ab wann ist es Kunst?
Eine Frage, die sich irgendwann jeder von uns stellt. Wir tun mehr, als nur auf den Auslöser drücken.

Nicht weil wir nach Anerkennung suchen, sondern weil wir spüren:
Da entsteht etwas, das mehr ist als nur ein Motiv.

 

Bei mir  taucht diese Frage immer dann auf, wenn mir ein Foto nicht einfach nur gefällt, sondern wenn sich etwas öffnet.

Vielleicht das Fenster zu meiner Künstlerseele.

 

Vielleicht beginnt die eigentliche Kunst genau dort, 

wo ein Projekt aufhört, nur ein Projekt zu sein.

 

Wenn das Motiv plötzlich ein Gegenstand mit eigener Seele wird.

Joseph Beuys hat diese Frage sogar zu seinem Lebensthema gemacht — und erst heute verstehe ich, warum er damit so kompromisslos gegen die Arroganz der Kunstwelt angeschrieben hat.

Kann sein, dass mich dieses Thema so triggert, weil ich selbst zu oft in Räumen stand, in denen Worte schwerer waren als die Werke. Wo kunstvolle Phrasen über Bilder gelegt wurden wie ein Schleier — und dabei genau das verdeckt haben, worum es dem Künstler eigentlich geht - das Unmittelbare, das Echte, das, was leise in uns ein Glöckchen zum klingen bringt.

 

Im Wald aber fällt all das von mir ab. Hier entscheidet kein Kurator, kein Kunststudium, kein kunstvoller Vortrag. 

Hier spricht ein Blatt, ein Schatten, ein vergänglicher Moment, eine unmittelbare Erfahrung durch die Begegnung mit dem, woraus wir dann etwas formen.

Und genau darin liegt die Kunst: im Verwandeln. Im Zulassen, dass ein unscheinbares Blatt, ein Schatten im Moos oder ein Hauch von Herbst uns innerlich berührt.

 

Doch warum berührt uns ausgerechnet dieser Moment? 

Warum dieses eine Blatt?

Dieser Schatten?

Dieses Licht?

 

Weil etwas in uns entscheidet, lange bevor wir es bewusst bemerken? Ein inneres Sieb, ein stiller Filter, der auswählt, was zu uns durchdringt?

 

Auf meinem Weg durch den Wald bleibe ich stehen. Da liegt ein durchlöchertes, grünes Blatt auf braunen, alten Blättern. Ich starre auf diesen Kontrast, der auffällt. Oder muss ich eher sagen: der mir auffällt? Ich mache eine Aufnahme und weiß sofort: das kommt ins Buch. Und wieder die Frage - ist das jetzt schon Kunst? Wenn mir etwas auffällt, was andere übersehen, ich ein Foto davon mache und es anderen zeige, ist es dann Kunst? Oder ist das Blatt nur ein Blatt und das Foto nur ein Foto? Vielleicht. Wenn ich darüber einen Text verfasse, verändert das etwas an dem Blatt oder an dem Foto? Nein. Worin liegt dann der Sinn von meiner Tätigkeit? 

 

Kann es sein, dass nicht das Motiv - in diesem Fall das Blatt - darüber entscheidet, ob das Foto nun Kunst ist oder nicht, sondern aus der Art entsteht, wie ich damit umgehe?

Die Frage ist doch zunächst: warum habe ich das Blatt überhaupt registriert? Was ist da in mir zum Klingen gekommen? Dass das Blatt scheinbar würdig genug war, für eine Aufnahme. Würdig genug, um ihm einen Platz im Fotobuch zu geben und wichtig genug, um darüber einen Text zu verfassen. 

 

Durch diese drei Komponente, erschließt sich automatisch ein Raum zur Reflexion. Und während ich das hier schreibe, erkenne ich, dass mir die Dinge die ich fotografiere, etwas bedeuten. Und weil sie mir etwas bedeuten, mache ich daraus eine künstlerische Arbeit. Mache etwas Unsichtbares sichtbar. 

Hole ich das was mir etwas bedeutet, ans Licht, um andere an meiner Entdeckung teilhaben zu lassen. 

 

Dieses Teilhaben lassen, setzt die künstlerische Bearbeitung voraus.

Die Wahrnehmung des Motivs kann der Anfang sein von einem künstlerischen Ausdruck. Wir bringen etwas in eine Form, die wirkt. Wie sie sich im Einzelnen auswirkt, liegt am Betrachter selbst. 

So kann ein einfaches Blatt ein Symbol sein für Endlichkeit, eine Frage an das Leben aufwerfen, zu einem Echo unserer Erfahrungen und zum Spiegel unseres Selbst werden. Hier beginnt das Blatt zu sprechen.

 

Dann geht es nicht mehr darum, was ES ist, sondern was es in uns bewegt. Wenn ein Foto, beziehungsweise ein Text etwas mit uns macht, ist es Kunst. 

Wenn es uns berührt, Tempo rausnimmt, uns tröstet, uns an etwas erinnert, Fragen aufwirft, oder uns einen stillen Moment schenkt, dann ist es Kunst.

Dann können wir aufhören, darüber nachzugrübeln, ob wir das, was wir hervorgebracht haben, als Kunst bezeichnen dürfen. Dürfen? Wir brauchen niemanden um Erlaubnis bitten. Nicht weil wir nach Anerkennung suchen, sondern weil wir spüren: Hier entsteht etwas Interessantes. Etwas das mehr ist, als nur ein Foto, sondern, dass sich hier eine Spur befindet, der wir folgen müssen. 

 

Wir hinterfragen nicht mehr, ob das was wir da wahrnehmen, wert genug ist, sich damit zu beschäftigen. Wir tun es, weil wir nicht anders können. 

Es ist nicht wichtig, zu wissen, ob wir in der Kategorie „Künstler“ Platz nehmen dürfen, weil wir ein Blatt fotografieren, das andere übersehen und wir nicht mal ein Kunststudium absolviert haben. 

 

🍃Nicht das Blatt ist die Kunst.

Es wird zur Kunst, weil wir ihm eine Bedeutung geben und etwas Neues daraus formen. Wir können das Blatt austauschen gegen jeden beliebigen Gegenstand. Sobald er uns etwas bedeutet und wir eine Art Beziehung zu ihm aufbauen, weil er in uns etwas bewegt, wird diese Begegnung Spuren hinterlassen. 

In uns selbst und in jedem, der sich darauf einlässt.

 

Kunst beginnt nicht mit Technik.
Kunst beginnt mit Wahrnehmung

 

Vielleicht ist es die eigentliche Aufgabe eines Künstlers, diesem Warum nachzugehen. Nicht nur zu sehen, zu hören oder zu dokumentieren, sondern zu verstehen, warum wir bestimmte Details spüren, warum wir vom Wald, von den Lichtungen, vom Leben zwischen den Bäumen so unwiderstehlich angezogen werden. Wir wissen es oft nicht, und vielleicht ist das auch der Sinn: dass wir uns dieser inneren Verpflichtung stellen, ohne dass wir ihren tieferen Grund kennen. 

Dieses Warum existiert, bevor wir es benennen, und es drängt uns, dem Sog zu folgen, um etwas zu entdecken, das größer ist als wir selbst. Für uns Naturfotografen ist der Wald der Raum, in dem dieses Warum sichtbar wird – aber die Frage bleibt: Woher kommt es, und wozu? 

 

Es geht nicht nur darum, was wir sehen oder hören, wenn wir im Wald sind. Es geht um das Warum, das stille, drängende Warum, das uns immer wieder dorthin zieht. Warum wir jedes Lichtspiel zwischen den Blättern spüren, warum wir nicht anders können, als jedem Knarren, jedem Rascheln zu folgen. Dieses Empfinden ist kein erlerntes Interesse, keine Neugier, die man sich aussuchen kann. Es ist tief, grundlegend, fast unentrinnbar. Wie ein Magnet, der nur auf die Resonanz des Waldes reagiert. 

 

Wir wissen nicht, warum genau dieser Sog existiert, aber er ist da – und er formt unseren Blick, lange bevor wir verstehen, dass wir ihn haben. Übersetzen wir das deutsche WARUM ins Italienische perché, bekommt das Wort eine tiefere Bedeutung - wofür.

Wofür tun wir das, was wir tun? Wessen Werkzeug sind wir in diesen Momenten? Wer oder was wirkt durch uns? 

 

Ich überlege gerade, ob sich das wofür bereits spiegelt, in dem, was wir wahrnehmen. 

Wenn ein löchriges Blatt unsere Blicke anzieht, hat das einen Grund. Ein Warum. Und während wir erforschen, welche Bedeutung es für uns hat, was es in uns auslöst, wie wir es beschreiben und etwas daraus machen. Wenn wir beobachten, welche Gedanken uns dazu kommen, die uns ohne dieses Blatt nie gekommen wären und wir diesen kompletten Vorgang in eine Kunstform verpacken und präsentieren, dann wird für jeden Betrachter etwas sichtbar. Was ohne unsere Wahrnehmung, nicht möglich gewesen wäre. Auch nicht für uns selbst. Auch nicht für das unsichtbare Wesen (allumfassende Intelligenz?) das uns dieses Warum eingehaucht hat. Lange bevor wir unseren ersten Atemzug getan haben. 

 

Dies könnte der tiefere Sinn für unser Tun sein. 

Das ist unser Geschenk an die Welt.

 

deine schreibfrau

 

Deine e-mail-Adresse ist nicht öffentlich sichtbar!

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.